Archives for : December2014

Der stete Wandel: Ein Auszug meiner letzten 10 Jahre

Es muss Anfang 2004 gewesen sein, als ich anfing, Metal zu hören. Damals verfolgte ich Computerspielturniere via Internetradio, denn Videostreaming gab es noch nicht. Die Kommentatoren der Spiele liessen jeweils Musik zwischen den Spielen laufen, und irgendwie gefielen mir da auch die härteren Sachen gut. Ich begann auch auf meinem MP3-Player öfter Metal zu hören, vor allem das leicht zugängliche, melodische Material. Nightwish, Amon Amarth, In Flames dürften es gewesen sein. Im Sommer traten dann In Extremo und Nightwish bei einem in der Nähe stattfinden Open Air auf, und ich schloss mich einer Gruppe von Freunden an, um meine ersten Metalkonzerte zu hören. Bis zu diesem Zeitpunkt trug ich die Haare kurz, meistens maschinell im Zentimeterschnitt gehalten. Mir gefiel jedoch das Headbangen, also war klar: Lange Haare mussten her!

Im Herbst fing ich dann an zu studieren. Die Haare wie auch mein Fachwissen wuchsen schnell und hatten bald ein prächtiges Volumen. Mein Kleidungsstil war mittlerweile auch fast ausschliesslich schwarz, nicht zu jedermanns Freude. Aber ich fühlte mich wohl, sowohl in der musikalischen Subkultur als auch in meinem Studium. Ich begann mich auf ein Fachgebiet zu spezialisieren und war gleichzeitig immer mehr angetan von komplexer, progressiver Musik.  Schräge Harmonien, komplizierte Rhythmuspatterns, unübliche Songstrukturen – Die Anziehung und Faszination war gewaltig. Schnell beherrschte ich die Kunst, die mittlerweile sehr ausgeprägte Matte auf einen 7/8-Takt zu schwingen. Den harten Death und Black Metal mochte ich zwar immer noch, aber deren Bedeutung in meinem Hörverhalten veränderte sich von definierend zu begleitend.

Mit Abschluss des Studiums und Beginn des Doktorats und dem sich breiter entwickelnden Musikgeschmack fanden langsam auch wieder erste Farbtupfer in meine Garderobe. Und schon bald lernte ich Poi und das Feuerspielen kennen, die einen ähnlich krassen Einschlag in mein Leben haben sollten wie zuvor der Metal. Ich fand wieder zurück zur elektronischen Musik, die ich damals vor dem Metal hörte, und trug immer weniger schwarz. Ich begann, mehr mit den Haaren zu experimentieren, kürzte sie mindestens zwei Mal auf schulterlang. Den Metal trug ich immer noch in mir, aber die Musik verlor nach und nach ihren zentralen Stellenwert, wurde abgelöst vom Feuertanz. Statt etwa 50 Konzerten pro Jahr  zu besuchen und ständig nach neuem musikalischen Input zu suchen, trainierte ich viel und bestaunte die grossen Feuerspielmeister auf Youtube.

So finden sich also heute in meinem Kleiderschrank schwarze Kapuzenpullis neben bunten weiten Hippiehosen und einem wachsenden Teil an stilvoller Kleidung. Auf meinem Musikplayer rotieren die verschiedensten Alben und Werke, von Schostakowitsch über Panzerballett und Godspeed You! Black Emperor zu Ane Brun und Efterklang, zu Bonobo und Flying Lotus. Ich bin auf Goafestivals und Metalkonzerten, auf Feuerspielerconventions oder im Schauspielkurs anzutreffen. Das Doktorat ist erfolgreich abgeschlossen – abgesehen vom Einreichen der Pflichtexemplare, weshalb ich mich auch offiziell noch gar nicht Doktor schimpfen darf. Bald geht es los auf die bisher längste Reise meines Lebens, die sicher wieder einiges an meinem Leben verändern wird.

Und die Haare? Die sind ab. Ich trage nun, wo ich definitiv kein Student mehr bin, Glatze.