Kiwiburn: Neuseelands lokaler Burning Man Event

Ich war also auf dem Kiwiburn. Was bitte schön soll das sein? Ein Erklärungsversuch der zehn leitenden Ideen, vermischt mit persönlichen Eindrücken.

  1. Radical Inclusion. Jeder kann, jeder darf, jeder soll kommen, wenn er denn will. Niemand wird ausgeschlossen, egal wie alt oder jung, ob alternativ oder gesellschaftskonform. Niemand wird wegen seines Aussehens oder seines Verhaltens irgendwie schief angeschaut oder missachtet, jeder kommt so wie er ist. Ich habe noch nie so viele authentische Menschen auf einem Haufen gesehen. Und auch noch nie so viele nackte Menschen, die um ein Feuer tanzen – Einige hundert dürftens schon gewesen sein, notabene bei weniger als 1000 Festivalbesuchern.
  2. Gifting. Auf einem Burn ist Geld (fast) nutzlos, denn kaufen kann man (fast) nichts. Eine Ausnahme gabs, dazu später mehr (bei Punkt 4.) Man zieht nun leicht den Fehlschluss, dass dann wohl fleissig gehandelt wird und man deshalb geeignete Tauschmittel mitnehmen sollte, aber dem ist überhaupt nicht so: Es wird geschenkt. Uneigennützig, ohne Gegenleistung, einfach so. Der Anhänger gefällt dir wirklich gut? Dann nimm ihn doch, ich brauche ihn nicht unbedingt. Wie, du hast zu viel Lachs geräuchert und hast nun einen halben Fisch übrig? Ich nehm gerne ein bisschen davon… Wir sollen ihn aufessen? Okay, kein Problem! (Es war der beste Fisch meines Lebens. Zart, saftig, reich an Geschmack aber nicht verwürzt. Ein Gedicht.)
  3. Decommodification. Weg von Konsumprinzipien und normativem Denken, einfach sein. Nimm dir das, was du brauchst, dann wann du es brauchst. Und wenn es das nicht gibt, mach es selbst! Zum Beispiel neue Federn auf dem Hut annähen. Und wenn dir morgens um 7 nach der durchgetanzten Nacht nach einem Chai gelüstet, dann geh doch einfach zum Teezelt und koch dir selbst einen. Es kostet nur deine Zeit. Und übrigens, habt ihr gewusst, dass Podpoi echt gute falsche Brüste abgeben, die dazu auch noch halbwegs weich sind, wenn man sie befummelt? Ganz abgesehen davon, dass sie dazu auch noch leuchten…
  4. Radical Self-Reliance. Du hängst nur von dir ab und niemandem sonst. Heisst insbesondere: Du musst alles, was du in der Burn-Zeit zu dir nehmen willst, selber organiseren und mitnehmen. Inklusive Nahrungsmitteln und allem (!) Wasser, das du brauchst. Für 5-6 Tage. Das ist viel und ziemlich schwer (Richtmenge: 6 Liter pro Person und Tag). Plane gut. Damit deine Lebensmittel nicht kaputt gehen, kannst du für wenig Geld kiloweise Eiswürfel kaufen. Und wenn du es nicht schaffst, ist das nicht so schlimm, dir wird geholfen. (Siehe Punkt 1, 2, 6, 7, …)
  5. Radical Self-Expression. Sei du selbst, egal was das bedeutet. Bring Kunst mit, baue etwas tolles, unterhalte mit Feuerkunst, oder leg dich einfach den ganzen Tag ins Schlammbad. Aber zeige anderen, wer du bist! Vielleicht ist ja die spontan abgehaltene Twerkingcompetition etwas für dich? Oder der offene Rund-um-die-Uhr-Jam auf der Rockstar-Stage? (Es gibt tatsächlich Leute, die 4 Stunden am Stück growlen können.)
  6. Communal Effort. Auch wenn es auf einem Burn viel um dich selbst geht, das ist nicht alles. Baut zusammen ein buntes Camp auf, stellt eine Soundanlage dazu und schmeisst eine Zombie-Frühstück für alle! Oder vielleicht mögt ihr lieber eine mobile Bar, die hier und dort mal wieder für ein Stündchen oder zwei auftaucht und erfrischende Cocktails unbekannten Inhalts ausschenkt? Ohne Gegenleistung, selbstverständlich. Glas oder Tasse nicht vergessen!
  7. Civic Responsibility. Du bist zwar auf dem Papier für nichts verantworlich, in der Praxis aber für alles, was schief geht. Da liegen Plastikfetzen herum? Sammle sie doch einfach ein und entsorge sie statt nach einer Putztruppe zu suchen. Du siehst jemanden, dem es wirklich richtig mies geht, oder siehst offenen Missbrauch? Geh hin, sprich das Problem an, helfe auf welche Weise auch immer. Denn wenn du das Problem nicht löst, wer sonst?
  8. Leaving No Trace. Müll gibt es nicht, nur Matter out of place, kurz Moop. Bring ihn da hin, wo er hingehört, nämlich in deinen eigenen Müllbeutel, den du nach dem Festival zuhause brav der Recyclingstation übergibst. Übrigens, diese Menge reduziert man am effektivsten dadurch, indem man Verpackungen und Plastiksäcke gar nicht erst mitbringt, dann muss man sie nämlich auch gar nicht mehr entsorgen. Auch Zigarettenstummel gehören nicht auf den Boden. Urin hingegen ist ein hervorragender Dünger und überall willkommen, wo er nicht durch den Geruch stört.
  9. Participation. Es läuft viel, mach einfach mit und lass dich treiben. Spiele mit, tanze mit, erforsche andere und dadurch dich selbst. Lass dich beschenken von den reichen Erfahrungen, die du nur so machen kannst. Eine Gruppenmeditation zum Thema Mindfulness mit anschliessendem Erfahrungsaustausch ist da nur der Anfang.
  10. Immediacy. Nur das Hier und Jetzt zählt, denn morgen ist schon wieder alles anders. Erwarte nichts, sondern nimm, was dir gegeben wird, und erfreue dich daran. Niemand ist dir irgend etwas schuldig, genau so wie niemand etwas bei dir zu gut hat. Das Mädel, das mit dir seit Stunden eng tanzt, hat vielleicht einfach nur Spass am Flirten und will gar nicht mehr von dir, und das ist vollkommen in Ordnung so.

TLDR: Fotos von einem nicht ganz unbegabten Menschen.

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