Mein erstes Mal: Reisen per Anhalter

In vielen Gesprächen mit Reisenden,  vor allem denjenigen jüngeren Alters, wurde mir gesagt, dass es in Neuseeland ziemlich leicht ist, per Anhalter von Stadt zu Stadt zu reisen. Nachdem ich zum Kiwiburn via Facebook eine Mitfahrgelegenheit gefunden hatte und auf dem Kiwiburn sowieso gefühlt die Hälfte der Besucher auch ans Luminte-Festival weiterzog und deshalb schnell eine Mitfahrgelegenheit fand, entschloss ich mich dazu, für die Rückreise vom Luminate-Festival den Daumen der linken Hand hochzuhalten.

Was man dazu wissen sollte: Luminate fand am Rand des Abel Tasman National Park beim Golden Bay an der Nordspitze der Südinsel statt – Alles klar? Ein Blick auf die Karte hilft! Von dort aus gibt es zwei etwa gleich lange Routen nach Christchurch, nämlich eher westlich über den Louis Pass oder eher westlich über Nelson, Blenheim, Kaikoura. Die westliche Route ist etwas schneller, aber führt vor allem durch unbewohntes Gebiet. Für den Anhalter bedeutet das, dass er eigentlich nur dann eine sinnvolle Mitfahrgelegenheit findet, wenn diese sowieso bis Christchurch fährt – Bei über 400 km Distanz etwas eher seltenes. Die östliche Variante ist etwas länger, aber hat einige grössere Städte auf dem Weg, wodurch ein etappenweises Fortkommen begünstigt wird.

Die zwei Wege vom Luminate nach Christchurch.

Die zwei Wege vom Luminate nach Christchurch.

Am letzten Festivalmorgen machte ich mich also früh auf den Weg zur Ausfahrtsstrasse, natürlich mit einem passenden Schild mit der Aufschrift “TO CHRISTCHURCH PLEASE ❤”. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Route ich wohl nehmen würde, und hoffte einfach auf eine direkte Reise.

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Pretty pretty please?

Auto Nummer 1: Schon nach wenigen Minuten hielt eine Mitorganisatorin des Festivals an und bot an, mich wenigstens zur Hauptstrasse zu fahren – Sie müsse weiter nach Norden und ich nach Süden, aber so viel könne sie tun für mich. Ich nahm an. Im Nachhinein sollte sich das als eine eher schlechte Idee herausstellen, aber dazu später mehr.

Auto Nummer 2: Wenige Minuten später stand ich also an der Strasse von Takaka nach Motueka und hielt mein Schild hoch. Wieder dauerte es nicht lange, bis ein Festivalorganisator entlangfuhr und anbot, mich nach Motueka, dem nächsten grösseren Ort im Süden, mitzunehmen. Ich nahm an.

Auto Nummer 3: In Motueka angekommen, lief ich erst der Hauptstrasse entlang etwas weiter südlich, stadtauswärts. Kann ja nicht schaden. An einem Ort, wo Autos gut anhalten können, hielt ich also wieder mein Schild hoch: “TO CHRISTCHURCH PLEASE ❤”. Wieder dauerte es nicht lange, bis mich ein Inder mitnahm, dieses Mal nach Nelson.

Ich kam im Süden der Stadt an und wusste, dass der Highway nördlich des Stadtzentrums zu finden ist. Ausserdem hörte ich davon, dass man auf Highways nicht zu Fuss unterwegs und deshalb auch nicht Anhaltend dort stehen darf. Ich versuchte es also kurz vor dem Kreisel, der auf den Highway führt. Ziemlich erfolglos allerdings, dafür wurde ich nach etwa einer Viertelstunde von 2 Radfahreren darauf hingewiesen, dass ich es ein paar hundert Meter weiter westlich versuchen sollte. Ich bedankte mich, buckelte meinen Rucksack und marschierte los.

Auto Nummer 4: Der Tipp der Radfahrer erwies sich als hilfreich, es dauerte etwa 10 Minuten bis zum nächsten Angebot: Nach Tahunanui. Das sei zwar nur 10 Minuten weiter, aber immerhin in die richtige Richtung – Der Fahrer meinte damit den westlichen Weg. Ich aber war mehr auf den östlichen Weg fixiert. Egal, wenigstens stand ich mal am Highway. Und so verboten sah das gar nicht aus.

Auto Nummer 5: Ich wechselte also die Strassenseite. Mittlerweile war ich knapp 3 Stunden unterwegs, und so ganz ohne Frühstück war ich langsam hungrig. So viel Wasser hatte ich auch nicht mehr, aber die Tankstelle war mir zu teuer. Ich verzichtete also, stand an der Strasse, und wurde bald mitgenommen: Wieder nach Nelson, aber dieses Mal zu einem Parkplatz gerade östlich der Stadt. Ein Ort, an dem aller Verkehr nach Osten durchkommt. Prinzipiell der ideale Ort!

Nur leider war ich nicht der einzige, der so dachte. Wir sassen zu siebt dort, und niemand hielt an. Mir mit dem Christchurch-Schild wurde signalisiert, ich solle auf die andere Seite der Strasse – Verständlich, ist die westliche Route doch die schnellere. Auch nur mit Daumen und ohne Schild blieb ich erfolglos (wie alle anderen auch in der Zeit, als ich da war). Ein neuer Plan musste her. Mittlerweile bereute ich es, das Festivalgelände ohne eine direkte Fahrt verlassen zu haben, denn das wäre dort bei der Menge an zuvorkommenden Menschen vermutlich echt nicht schwierig zu finden gewesen.

Ich entschloss mich dazu, es nochmal dort zu versuchen, wo Auto Nummer 4 mich aufgegabelt hatte, nur dieses Mal direkt am Highway. In der Mittagssonne und mittlerweile ohne Wasser war dieser Marsch dann doch anstrengender als gedacht, so langsam musste ich mir Gedanken um Verpflegung machen. Eigentlich nicht langsam, sondern ziemlich schnell, aber ich ignorierte dies geflissentlich.

Auto Nummer 6: Am erwähnten Ort traf ich zwei weitere Anhalter. Hmpf. Wir konnten uns jedoch kaum gegenseitig vorstellen, als bereits ein Wagen vorfuhr: Ein junger Neuseeländer machte uns darauf aufmerksam, dass wir keinen günstigen Ort gewählt hatten, aber er fahre uns gerne zum idealen Ort. Er selbst fahre weiter nach Motueka. (Da war ich doch schon!) Nachdem wir noch das Missverständnis geklärt hatten, dass wir nicht zu dritt unterwegs waren, entschlossen sich die anderen beiden, mit ihm eben nach Motueka zu fahren. Ich musste aber immer noch nach Christchurch. Also fuhr er mich zu dem Ort am Highway, wo wirklich alle Autos der Region Motueka-Richmond-Nelson durchfahren müssen, wenn sie die westliche Route nach Christchurch nehmen wollen. Ausserdem wurde meine Wasserflasche aufgefüllt, hallelujah!

Es war mittlerweile kurz vor 2 Uhr nachmittags, als ich dann dort sass und Schild plus Daumen hochhielt. Frisch gestärkt mit Wasser und Schoko-Cookies war ich sehr motiviert, zumal hier nur ein anderer Hitchhiker sein Glück versuchte und dieser hinter mir stand. Ich stand also da, lächelte, suchte Blickkontakt… und alle fuhren sie an mir vorbei. Ich versuchte es stehend, sitzend, mal weiter draussen in der Strasse, mal ganz am Rand, mal mit Schild, mal ohne, mal mit Daumen, mal ohne. Vroooom, alles fuhr vorbei. Die einseitige Belastung des Daumen-Hochhaltens gepaart mit der Müdigkeit von über 2 Wochen im Zelt zu schlafen führte dazu, dass mir bald mal der Rücken zu schmerzen begann. Also noch ein Haltungswechsel.

Nach einer guten Stunde machte ich mir die ersten Gedanken, wie ich wohl am schlausten wieder in die Stadt kommen würde, und wie lange ich es wohl noch probieren würde. Vroooom, alles fuhr vorbei. Ob ich wohl doch einfach auf die andere Strassenseite sollte, in die Stadt, um dann am nächsten Tag den Bus zu nehmen…? Mittlerweile war es 6 Stunden her, dass ich das Festivalgelände verliess, und ich sass auch bereits in 6 verschiedenen Autos, aber so wirklich weit gekommen war ich noch nicht. Vielleicht etwa 20% der Strecke, es lagen noch 400km vor mir.

Auto Nummer 7: Ich hätte es fast nicht gemerkt, dass die beiden jungen Deutschen doch tatsächlich angehalten haben. Ich weiss nicht mehr genau, warum ich mich umdrehte, aber da standen sie, luden das Gepäck in ihrem Wagen um. Ja, sie fahren nach Christchurch und nehmen mich mit. Jackpott! Überglücklich stieg ich ein, wir fuhren los, unterhielten uns, alles war perfekt.

Hier könnte meine Anhaltergeschichte zu Ende sein. Der Anhalter-Teil der Geschichte ist es auch, aber der Tag sollte noch die eine oder andere unerwartete Wendung mit sich bringen… Mehr dazu im nächsten Eintrag in nicht all zu ferner Zukunft.

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