Per Anhalter nach Christchurch: Teil 2

Ich sass also endlich, nach geschlagenen 6 Stunden Autostoppen und dem Aufgeben nahe, in einem Auto nach Christchurch. Die Fahrt verlief anfangs ohne grosse Ereignisse: Eine Snackpause hier, mal auftanken dort, Landschaften vorbeiziehen sehen, dazu etwas Musik im Hintergrund, typische Reisegespräche, manchmal etwas Regen, aber meistens Sonne. Insbesondere die Aussicht nach Überquerung des Louis Pass war überwältigend, und so fuhren wir sehr guter Stimmung und recht zügig Richtung Christchurch.

Dass wir etwas zu zügig unterwegs waren, ist mir zwar auch auf der Rückbank aufgefallen, aber ein Blick auf den Tacho sagte mir, dass nicht so viel schief gehen kann: Etwa 120 km/h bei einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h, auf leeren, breiten Strassen. Ich hatte es zwar nicht eilig, aber die beiden Jungs vorne würden ja schon wissen, was sie riskieren wollen und was nicht. Der Plan sah vor, dass mich die Jungs in Christchurch bei einem Freund abladen, dann zu einem Gratis-Campingplatz fahren und sich in den kommenden Tagen eine Arbeit suchen, denn sie waren quasi pleite. Also alles im Lot? Ich war müde und döste ein wenig.

Als ich wieder aufwachte, ergab sich ein deutlich anderes Bild: Rechts am Strassenrand ein Polizeiwagen mit Blaulicht, unser Fahrer etwas bleich, fluchend am Runterbremsen – Nach etwa 3-4 Sekunden zeigte der Tacho dann auch wieder nur 100 km/h an. “Now where are you going that you’re that much in a hurry?” – “Well, we’re going to Christchurch to camp and then find a job, we’re not that much in a hurry actually…”. Der Polizist war freundlich, aber bestimmt, und lies bei einer derart hohen Geschwindigkeitsübertretung – 150 km/h – wie zu erwarten kein Gnade walten. Fahrausweisentzug für 28 Tage, eine Busse von 630 Neuseelanddollar (ca. 450 Franken), bezahlbar ebenfalls innert 28 Tagen. Noch dazu konnte der Beifahrer auch nicht fahren, was dann hiess: Ich musste ran für den Rest der Strecke.

So fand ich mich also unverhofft hinterm Steuer eines Autos wieder. Ans Links-Fahren hatte ich mich bereits auf dem Roadtrip gewöhnt, aber nach 2500 Kilometern Automatik-Getriebe ist eine manuelle Schaltung erstmal eine ordentliche Umstellung für einen nicht besonders routinierten Fahrer wie mich. Ich hab also erst mal direkt vor den Augen des Polizisten den Motor einige Male abgewürgt und den Gang nicht gefunden – Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er uns gleich nochmal angehalten hätte um mich zur Rede zu stellen.

Er liess uns jedoch ziehen, und nach einigen Minuten kam ich mit dem Schalthebel auf der ungewohnten linken Seite ganz gut klar. Bis Christchurch war es auch nicht mehr weit, weniger als 100 km. Für mich war die ganze Angelegenheit nicht so ein Problem, aber für die beiden Jungs schon, insbesondere für den Fahrer – Ohne Auto ist es doch nicht ganz so leicht, einen Job in der Industrie oder im Gewerbe zu finden, da öffentliche Verkehrsmittel in Neuseeland nicht weit verbreitet sind und eher sporadisch fahren. Dazu noch die Busse, die doch recht schnell beglichen werden musste… Ich war erstaunt, wie wenig sich die beiden über ihr selbstverschuldetes Unglück Sorgen machten, zeigten einen starken Willen, suchten neue Lösungen und lehnten finanzielle Hilfe ab, noch bevor ich das überhaupt ansprechen konnte.

Aber ich konnte ihnen immerhin mit dem Wagen helfen, und irgendwo würden sie ja auch übernachten müssen. Ich hatte noch 2 Tage Zeit in Christchurch und nicht viel geplant ausser organisatorische Dinge für Australien vorzubereiten. Der Plan wurde also notgedrungen wiefolgt abgeändert: Sie wollten sich ein Hostel suchen, in dem sie einige Wochen oder Monate bleiben und dabei hoffentlich den Wagen dort stehen lassen können. Es war jedoch bereits nach 20 Uhr; Alle Hostels waren entweder ausgebucht oder bereits nicht mehr bedient. Wir fuhren also erstmal zu meinem Freund, den ich bereits via SMS über mögliche Komplikationen warnte.

Bei ihm angekommen suchten die Jungs erst noch via Internet weitere Hostels, gaben es aber ziemlich bald wieder auf – Alles voll. Es bleib ihnen nicht viel anderes übrig, als eine Nacht im Auto zu übernachten und am nächsten Morgen erneut das Glück zu suchen. Glücklicherweise stand der Wagen auf einem Privatgrundstück, denn in den Städten ist Freedom Camping, wozu auch Übernachten im Auto gehört, verboten – Und noch mehr Ärger mit der Polizei wollte in diesem Moment niemand.

So endete ein ziemlich verrückter Tag – Für mich, wie auch für die beiden Jungs. Sie fanden dann übrigens am nächsten Morgen recht schnell ein Hostel. Ich fuhr sie hin, verabschiedete mich und machte mich auf, die Innenstadt von Christchurch aufzusuchen.

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