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Mein Hut hat keine Ecken: Ein Nachruf

Das erste Mal gesehen und sogleich erstanden habe ich dich vor 2 Jahren auf der Fusion. Keck lagst du ganz oben auf der Zeltverstrebung dieses Kleiderstandes vor dem Trancefloor. Ich liess dich mir reichen, setzte dich behutsam auf, und schon war mir klar,  dass du mein werden solltest. Seither hast du mich treu begleitet. Doch nun bist du verschwunden.

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In den 2 Jahren bist du weiter herumgekommen als mancher Mensch, durftest 15 Länder auf 4 Kontinenten bereisen. Die Jahre machten sich bemerkbar, du warst zum Schluss bereits etwas zerzaust und in einer Grundform etwas geknickt, die Federn gebrochen. Aber das machte dich nur um so liebenswerter. Weder die heftigen Winde vor der Küste Marseilles oder im herbstlichen Sydney, noch die brütende Hitze von Kalifornien oder der Wüste Dubais konnten dir etwas anhaben. Nein, du hast die Sonne stoisch ertragen und mich vor ihr beschützt. Auch der Monsunregen von Singapur und die Urwälder Australiens beeindruckten dich nicht. Du nahmst die Nässe für mich auf und liessest mich trocken.

Manch Einer beneidete mich um dich. Du warst beliebt, durftest viele Häupter schmücken, und dabei warst du so höflich und zuvorkommend, dass du fast jeden deiner Träger glücklich und optisch interessant machtest. Auch als das soweit führte, dass du Stunden, Tage, ja fast Wochen einen fremden Skalp bedecktest, murrtest du nicht. Stattdessen sassest du da und tatest, was du am besten konntest: Du machtest Menschen glücklich.

Kürzlich, als wir wieder auf der Fusion waren, haben wir deine Hutmacherin getroffen. Sie war erfreut über deine weiten Reisen, neidisch gar auf deine zahllosen Erlebnisse. Und doch, vielleicht war es ein schlechtes Omen, deine Schöpferin wieder zu treffen? Im menschlichen, christlichen Glauben trifft man seinen Schöpfer ja erst nach dem Tod, im Englischen ist “to meet your maker” gar ein geflügtes Wort für das Ableben.

Und nun ist es also passiert: Ich habe dich verloren. Unwiederbringlich liegengelassen in einem unscheinbaren und deshalb unauffindbaren Restaurant im italienischen Südtirol.

Machs gut, mein lieber Hut.