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Ein Loch im Zelt

Der letzte Eintrag berichtete kurz von Byron Bay und dem Crystal Castle. Aber wie kam ich eigentlich dort hin? Wir erinnern uns: Ich schrieb nicht viel darüber, aber ich war in und um Sydney und landete schliesslich in Newcastle, etwa 2 Stunden nördlich von Sydney.

Von dort aus fuhr ich weiter Richtung Brisbane. Ich teilte die Fahrt von etwa 9 Stunden in 3 Etappen auf, um nach einem eher enttäuschenden Zwischenhalt bei Murray’s Craft Brewing Co. [Review bei Ratebeer] einmal mehr die Nationalparks aufzusuchen. Die Wanderungen blieben für ein Mal aus, ich genoss stattdessen die Ruhe, meditierte ausgiebig und schrieb Postkarten (nicht zu verwechseln mit Ansichtskarten, das werden die zahlreichen Empfänger auch noch feststellen müssen). Aus diesem Grund gibt es von diesen Tagen auch wenig Spektakuläres zu berichten. Doch halt, wenig ist nicht nichts!

Im Yuraygir hat sich die Fauna nämlich sowohl von ihrer guten wie auch von ihrer schlechten Seite gezeigt. Im von mir auserwählten Campingplatz wimmelte es nämlich von Kängurus. Am Abend vergnügten sich da einfach mal mindestens 10 von ihnen in unmittelbarer Nähe meines Zelts. Angeblich tummeln sich dort auch Warane und Emus, aber deren Anblick blieb mir (vorerst!) leider verwehrt. Dafür durfte ich des Nachts feststellen, dass sich auch anderes Getier dort herumtreibt.

Ein leises, aber kontinuierliches Rascheln weckte mich. Ich beschloss, dass da wohl ausserhalb des Zeltes irgend ein Tier entweder die Bananenschale oder die leere Müsliriegel-Verpackung, die in meinem Zelt lagen, riechen muss und blieb liegen. Nach einer Weile konnte ich nicht mehr verneinen, dass das Geräusch doch von näher kam, von innerhalb des Zeltes. Für 2 Sekunden schob ich das Rascheln auf Wind und die Riegelpackung oder vielleicht eine umherrollende Wasserflasche, bis mir auffiel, dass dieser Gedanke völlig absurd war, denn es war windstill. Also: Licht an.

Da war ein Loch im Netz des Innenzelts, in etwa einem halben Meter Höhe. Und ausserdem sass da eine Ratte in der Ecke und schaute mich mit tiefschwarzen Augen an. Das gierige Biest hatte wohl meine Essensreste gerochen. Jedenfalls hat es sich tatsächlich entlang des halboffenen Reisverschlusses des Aussenzelts hochgehangelt, von wo aus es ein Loch in das belüftende Netz des Innenzelts nagen konnte. Aus dem Innenzelt heraus gab es dann aber keine rettende Kletterhilfe, wodurch die Ratte gefangen war. Seufzend und mein nun kaputtes Zelt betrauernd half ich der Ratte mit meinen Flipflops durch die mittlerweile geöffnete Zelttür und verbrachte die letzten Stunden der Nacht mehr wach als schlafend, denn mit Loch im Zelt war das Wohlbefinden beträchtlich gestört.

Und Fotos? Fotos gabs deren 28 nach Newcastle bis und mit Crystal Castle.

Bilder statt Worte [Updated]

  • Lake Hume, Mount Granya, Holbrook: 14 Fotos, mit einem See voller Bäume und vielen Spinnen. Und einem gestrandeten U-Boot.
  • Blue Mountains, mit Three Sisters und Wentworth Falls: 48 Fotos, in einem Canyon mit bläulichem schimmerndem Wald, vielen Felsen und Wasserfällen.
  • Sydney: 27 Fotos, mit dem Coogee Beach, dem Museum of Contemporary Art, dem Opera House und der Cricketweltmeisterschaft. Sic!
  • Newcastle: [20 Fotos 33 Fotos], mit Stephan, vielen Strandfotos und etwas Getier, das dort kreucht und fleucht.

Update: 13 weitere Bilder von einem Sonnenaufgang in Newcastle.

Tag 54: Ein Monolog

Es ist Donnerstag Morgen, ich befinde mich in einem hell ausgestatteten Zimmer in Coogee, Sydney. 53 Nächte sind vergangen, seit ich loszog, um die Welt (oder mindenstens einige weit entfernte, mir unbekannte Teile davon)  zu sehen. Deren 88 werden noch folgen. Eigentlich kein schlechter Zeitpunkt für eine Bestandesaufnahme.

Ich bin müde.

In Neuseeland habe ich einen gesunden Mix zwischen Umherreisen und stationären Festivals erwischt. Der rasante Roadtrip voller herausragender Landschaften in der Einsamkeit hatte mich ausgelaugt, ich sehnte mich nach etwas Ruhe und… Menschen. Ja, auch ich, der Einzelgänger, der gerne und oft alleine Projekte und Reisen plant und durchführt, sehnte mich nach Mitstreitern. Die mir nahe stehen, die fragen, wie es mir geht und das nicht nur als Höflichkeitsfloskel verstehen. Mit denen man Erlebnisse teilen kann.

Ich fand sie. Auf den Festivals in Neuseeland, über 2 Wochen mit den selben tollen Menschen um mich herum. Und ich war glücklich, hatte eine wundervolle Zeit, spürte viel Kraft in mir, sprühte vor Kreativität, riss Projekte an. Ich genoss die Zeit sehr, war mir bewusst, wie gut es mir ging. Und dass das nicht immer so sein würde. Nach den Festivals verliess ich Neuseeland, geräuschlos weinend.

Es folgte Australien. Auch ein schönes Land, ich durfte auch hier unzählige Naturwunder bestaunen, manch eines rührte mich gar zu Tränen. Auch hier machte ich faszinierende Bekanntschaften. Aber aufgrund meiner Reisepläne und des steten Weiterfahrens sollten sie für den Moment alle nur kurz ausgelebt werden können.

Ich eile von Ort zu Ort, von Stadt zum Nationalpark und weiter in die nächste Stadt. Lerne Menschen flüchtig kennen und weiss, dass ich sie nie wieder sehen werde. Trinke einen Kaffee hier, esse einen Pie dort, genehmige mir ein lokales Craftbeer, oft mit dem Smartphone in der Hand. Es ist das kleine Fenster zur Welt der Menschen, nach denen ich mich sehne. Familie, Freunde, Feuerkünstler, Trinkkumpanen: Gute Gesellschaft, die mir nahe steht. Ich wurde bereits kritisiert, ich sei zu oft auf Facebook und schreibe zu viele Blogposts, so könne ich den Urlaub doch gar nicht geniessen! Dabei tue ich das doch nur, weil ich euch liebe.

Bald ist Mittag. Ich habe die Stadt noch fast gar nicht erkundet, das sollte ich wohl mal tun. Auch wenn ich müde bin. Etwas angewidert betrachte ich den Kalender: Die nächsten 2 Wochen werden ähnlich wie die letzten. Immerhin treffe ich unterwegs Menschen, die ich schon länger kenne, das wird mich aufheitern.  Und dann kommen ja wieder Zeiten mit weniger Reisehast: Tauchen in Cairns, Jonglierfestivals auf Bali, Meditationskurs in Sydney. Keine schlechten Aussichten.

Weiterhin zerbreche ich mir den Kopf darüber, wo und wie ich den letzten Monat verbringen soll. Ich beschliesse, dass der aktuelle Gemütszustand nicht der richtige ist, um weiter darüber nachzudenken, packe meine Jongliersachen in den Rucksack und fahre los, Sydney doch noch zu erkunden.

Eine Wanderung und eine Party

Melbourne befindet sich nahe (heisst hier: In 250 km Entfernung) am südlichsten Punkt des australischen Festlandes, der wiederum in einem Nationalpark, Wilsons Promontory, liegt. Ich wollte schon länger eine etwas ausgiebigere Wanderung unternehmen, die auch mal mehr als nur einen Tag dauert. Ich beschloss, eben diesen südlichsten Punkt zu besuchen: Wenn ich am ersten Tag gegen Mittag beim Parkplatz ankommen sollte, müssten die mit 4,5 Stunden angegebenen 12 km doch eigentlich ganz gut machbar sein… Tags darauf wären dann 7 km zum South Point und zurück sowie die 12 km zurück zum Parkplatz angesagt.

Der erste Tag der Wanderung verlief dann auch wie am Schnürchen: Wie von Neuseeland gewohnt waren die 4,5 Stunden äusserst grosszügig berechnet, so dass ich trotz Nachmittagshitze und einigen Pausen bereits nach 3,5 Stunden am Campingplatz ankam. Leider war der Wanderweg dort hin ziemlich enttäuschend, bewegte ich mich doch ausschliesslich auf breiten, Jeep-tauglichen Kiesstrassen und äusserst grosszügig angelegten, mehr als einen Meter breiten Buschwegen. Noch bei guten Kräften und hungrig nach einer grösseren Herausforderung überlegte ich mir nun, die Wanderung etwas zu erweitern: Ich könnte ja bereits jetzt am Abend noch zum Sonnenuntergang zum South Pount gehen und am nächsten Tag den Rückweg etwas verlängern. In Gesprächen mit anderen Wanderern liess ich mich jedoch von einer anderen Idee überzeugen: Etwas weiter weg lag das typische Ziel von Wanderungen in diesem Nationalpark geben, der Leuchtturm. Das würde die 7 km auf 12 erhöhen.

Ich änderte also meine Pläne, ging früh schlafen und startete zeitig auf die 24 Kilometer, die heute vor mir lagen. In der Zwischenzeit musste ich auch feststellen, dass ich an meiner Essensplanung durchaus noch etwas feilen kann. die Snacks und das Brot gingen ganz gut auf, aber bei den Brotbeilagen war ich mit Hummus, Käse, Erdnusbutter und Pesto etwas gar grosszügig. Eins davon hätte auch gereicht, und so schleppte ich einige Kilo zu viel durch den Nationalpark. Meine Wasserrechnung ging mit 6 Litern für 1,5 Tage aber sehr gut auf, und auch sonst brauchte ich fast alles mitgebrachte.

Der Abschnitt zum Leuchtturm und zurück war dann durchaus etwas interessanter, aber auch dieser Weg und der Leuchtturm konnten mich nicht wirklich begeistern. Vielleicht bin ich doch schon etwas verwöhnt vom deutlich spektakuläreren Neuseeland und dem roten Zentrum Australiens? Ein paar wenige Fotos gabs trotzdem, aber ich war mehr mit Rucksacktragen als mit Fotografieren beschäftigt. Immerhin gabs allerlei wildes Getier: Ich schreckte (wieder mal) ein Wallaby auf, sah das erste Mal Schlangen in der freien Wildbahn (mindestens eine davon potentiell lebensgefährlich) und entdeckte Echsen und Vögel in allen Grössen und Farben. [7 Fotos]

Am späten Nachmittag traf ich hundemüde, aber glücklich über meine erste total unabhängige zweitägige Wanderung, wieder beim Parkplatz ein. Und nun, wohin? Ich war etwas unschlüssig. Zurück in die Stadt? Doch mal an den Strand? Mehr Wanderungen? Der Südküste entlang Richtung Sydney losfahren? Keine der Optionen machte mich wirklich glücklich. Ich erinnerte mich daran, dass bei meinen Gastgebern in Melbourne eine Party stattfinden sollte. Ich war mir zwar nicht so sicher, ob ich nach der ausgiebigen Wanderung und der langen Autofahrt (250 km, man erinnere sich) noch viel von der Party haben würde, aber nachdem ich seit den Festivals in Neuseeland keine tolle Fete mehr hatte, sehnte ich mich nach dicken Bässen und ausgelassener Stimmung. Ausserdem hatte ich mich tags zuvor nicht richtig von meinen Gastgebern verabschieden können…

Ich fuhr also wieder nach Melbourne. Ich traf recht früh ein, was mir die Gelegenheit für eine wohl verdiente wie auch dringend benötigte Dusche gab, zog die ausgefallenste Kleidung meiner spärlichen Reisegarderobe an, und liess michauf der Party einfach treiben. Und tatsächlich war diese Party genau das, was ich brauchte: Ich frage mich ja, woher ich diese Energiereserven nahm, hätte doch nach der langen Wanderung und der Autofahrt nicht mehr viel Kraft übrig bleiben sollen, aber ich tanzte trotzdem bis tief in die Nacht und legte mich erst gegen 4 Uhr früh schlafen. Ein rundum erfüllender Tag ging zu Ende.

Städte und Strassen im Süden

Nach den grandiosen Tagen im Zentrum Australien startete ich den zweiten Roadtrip meiner Reise, und dieser sollte deutlich länger ausfallen: Von Adelaide in Südaustralien nach Cairns im Nordosten war das Ziel, durch die Flüge vorgegeben in 38 Tagen. Zwischenstops hatte ich dabei noch keine gross eingeplant, ausser den fast unumgänglichen Städtebesuchen in Melbourne, Sydney und Brisbane. Der Routenplaner spuckt dafür übrigns rund 4’000 Kilometer aus, aber verteilt auf die 38 Tage klingt das doch eigentlich ganz gut machbar.

Ich kam also donnerstags in Adelaide an, holte meinen Mietwagen ab (Kostenpunkt: Schlappe 30 Franken pro Tag für einen ziemlich neuen, schnittig roten Hyundai Elantra), checkte im Hostel ein (wo ich erstmal von einer Schweizerin an den Rezeption begrüsst wurde), machte meinen ersten Abstecher in den Ozean und fuhr gleich schon am nächsten Morgen los Richtung Melbourne. Warum ich es so eilig hatte? Nun, wie ich von meinen Freunden in Melbourne wusste, findet dort jeweils Sonntag Nachmittag ein grosser Flow Arts Spin Jam statt, und das wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Ich brachte also in 3 Tagen wieder mal deutlich mehr als 1’000 km unter die Räder und quetschte die berühmte Great Ocean Road in einen Morgen rein. Zugegebenermassen könnte man dort noch viel mehr Zeit verbringen: Die Steilküsten bieten einen durchaus sehenswerten Anblick, Regenwald hat man auch nicht alle Tage, die Strände sahen alle ganz nett aus… Aber am meisten Spass hatte ich doch einfach daran, mit Tempomat der kurvigen Küstenstrasse entlang zu cruisen und alles an mir vorbeiziehen zu lassen. Ich fühlte mich frei und genoss das Gefühl, genau dort anhalten zu können, wo ich wollte. Und das war bei meiner Fahrlaune nun mal nicht oft, was denn auch die eher spärliche Anzahl Fotos von diesem Abschnitt erklärt. [37 Fotos]

In Melbourne selbst blieb ich dann ein paar Tage, die ich mit etwas Sightseeing, einigem Flow Arts Training und viel Faulenzen verbrachte. In den Tagen zuvor hatte ich meine Entscheidung bezüglich der weiteren Reisepläne getroffen und benötigte dringend etwas Entspannung, die ich mir so holte. Nach dem erfolglosen Versuch, am Donnerstag Morgen ein Ticket für den Burning man zu ergattern (Na, vielleicht klappts ja noch auf anderem Wege…), hatte ich aber auch wieder genug vom süssen Nichtstun und der pulsierenden Grossstadt mit so vielen Menschen. Ich fühlte mich eingeengt und wollte nur noch eines: Fliehen, am besten in die Natur.

Drei Tage im Red Centre Australiens

Wir fuhren morgens um halb 6 in Alice Springs los. Erstes Ziel war es, gegen Mittag am Ayers Rock Airport die restlichen Reisegruppenmitglieder aufzugabeln. Aber moment, das sollte doch hier gleich in der Nähe sein…? Nun, für australische Verhältnisse sind Uluru und Alice Springs tatsächlich ziemlich nahe, nämlich nur etwa 500km entfernt! Das macht man problemlos mal vorm Mittagessen…

Nach etwa 6 Stunden kamen wir dann auch tatsächlich an, mit 14 Teilnehmern waren wir eine glücklicherweise eher kleinere Gruppe. Nach einer kurzen Mittagspause ging es auch schon zum wohl berühmtesten (aber nur zweitgrössten) Felsen der Welt: Uluru, auch bekannt als Ayers Rock. Aufgrund der brütenden Hitze von 42 Grad war die geplante Umrundung, die üblicherweise zwischen 3 und 4 Stunden dauert, nicht möglich. Also fuhren wir im Bus rundrum und besuchten die wichtigsten Stelle zu Fuss.

Schon beim ersten Stop wurden wir darauf hingewiesen, dass die lokalen Anangu-Aborigines äusserst strikten religiösen Regeln der Tjukurpa [Wikipedia] folgen; Gewisse Orte um Uluru sind Männern vorbehalten, andere den Frauen. Wer trotzdem aus irgendwelchen Gründen die Orte des anderen Geschlechts sieht, muss schwere Folterstrafen über sich ergehen lassen, die auch im Tod enden können. Dazu reicht es übrigens, versehentlich ein aus Ignoranz oder Unachtsamkeit hochgeladenes Facebook-Foto zu sehen…

Wir verbrachten fast 24 Stunden um Uluru [26 Fotos]: Nach der Wanderung gings zum Aussichtspunkt für den Sonnenuntergang, wo wir die spektakulären Farbveränderungen beobachten konnten [16 Fotos bei konstantem Weissabgleich, aber wechselndem ISO]. Danach ging es zu einem Camp in der Nähe – Aber halt, ich war ja immer noch ohne Gepäck unterwegs! Das wurde in der Zwischenzeit bei einem Hotel in der Nähe zwischengelagert, so dass wir es auf dem Weg zum Camp abholen konnten.

Im Camp übernachteten wir in sogenannten Swags draussen unter den Sternen. Ein Swag ist eine Art äusserer Schlafsack mit integrierter Matratze, der vor Tieren und Nässe schützt. Nach einem Crashkurs zum Thema  “Wie schütze ich mich beim Übernachten im Outback vor Schlangen und Skorpionen” (Antwort: Mit einem Stock eine Linie in den Sand um den Swag ziehen und Salz reinstreuen. Klingt ein bisschen wie Voodoo, ist es vielleicht auch) legten wir uns mit einem etwas mulmigen Gefühl schlafen. Lange sollte die Nacht nicht sein, denn wir wollten auch den Sonnenaufgang am Uluru sehen, und der ist ja durchaus sehenswert.

Danach ging es weiter zur nächsten berühmten Felsformation im Outback, Kata Tjuta. In der am Morgen noch erträglichen Hitze verbrachten wir etwa 3 Stunden auf einer Wanderung durch die roten Felsen, schossen dutzende Gruppenfotos [Facebook] und sahen auch noch ein Wallaby, eine Art kleines Känguru. Es folgte Mount Conners alias Fooluru, der aus der Entfernung ein bisschen wie Uluru aussieht und deutlich näher an Alice Springs liegt, weshalb offenbar gewisse Touris nur zum Mount Conners fahren und dort umkehren, weil sie ihn für Uluru halten. [27 Fotos]

Wieder übernachteten wir unter den Sternen, aber dieses Mal an einem Ort, wo es offenbar viele Skorpione gebe. Der Untergrund war dieses Mal Gras, wodurch die Anweisungen der letzten Nacht hinfällig wurden. Unser Reiseleiter meinte nur “Oh, if you see a scorpion, just impale it with a stick”, was nun nicht unbedingt zur Beruhigung beitrug. Trotzdem passierte auch diese Nacht nichts.

Der letzte Halt der Tour sollte auch der spektakulärste werden: Kings Canyon [40 Fotos]. Der Sandsteincanyon bietet alles, was man sich von einem Naturwunder wünscht: Steile Klippen, eigenartige und wundersame Felsformationen, und mittendrin ein kleiner Fluss mit Wasserloch, der die ganze Gegend begrünt und für eine reichhaltige Fauna und Flora sorgt. Weitere Worte sind überflüssig.

Zusammenfassend waren die 3 Tage im Outback aus verschiedenen Gründen eine Zeit, die mich äusserst beeindruckt haben. Einerseits war da die unglaubliche Präsenz eines Uluru, der eine unbeschreibliche Vielfalt an Farben und Formen zeigt, wenn man ihn sich nur mal von Nahem betrachtet. Auch die anderen zwei grossen Orte, Kata Tjuta und Kings Canyon, waren auf ihre Weise magisch anziehend. Andererseits waren da auch die enorme Hitze, die ungewohnten Tiere und Pflanzen, die enormen Distanzen, das Schlafen unter dem freien Sternenhimmel, die viele bisherige Erfahrungen in den Schatten stellen.

Im Australischen Outback, dahinschmelzend, und ohne Gepäck

Nach Neuseeland war also Australien an der Reihe. Die Emigration in Christchurch verlief reibungslos – Wenn man mal davon absieht, dass ich erst mein Taschenmesser im Handgepäck vergass, mich aber noch vor der Sicherheitskontrolle daran erinnerte und somit auch noch mein Handgepäck aufgeben liess. Fliegen mit Kamera, Pass und Laptop in den Händen ist doch auch mal was Neues! Dann muss man sich auch nicht mit den Mitreisenden um den knappen Platz fürs Handgepäck streiten…

In Australien läuft es mit der Immigration dann so, dass man immer sein Gepäck selbst durch den Zoll tragen muss, auch wenn man innerhalb Australiens noch weiter fliegt. Mein Ziel war Alice Springs – Also erst zum Baggage Claim, dann zur Immigration, dann zum Domestic Transfer. Bereits der erste Schritt dieses Prozederes schlug bei mir fehl; Nur der kleine Handgepäck-Rucksack kam in Sydney an. Ich war jedoch bei weitem nicht der einzige Passagier dieses Fluges, dessen Gepäck fehlte. Lost & Found startete grössere Abklärungen, fand tatsächlich noch mehr Gepäck dieses Flugs, aber mein Rucksack war auch da nicht dabei. Die Dame am Lost & Found schickte mich dann trotzdem zum nächsten Flug, ich solle mich in Alice Springs wieder am Schalter melden, sie würden mein Gepäck dann schon irgendwie finden und dort hinschaffen.

Also durch den Zoll mit meinem wenigen Gepäck (übrigens eine deutlich weniger gründliche Prozedur als drüben in Neuseeland), rüber zum Domestic Transfer Terminal, Handgepäck-Rucksack wieder aufgeben (das Taschenmesser war ja immer noch da), wieder mit Pass, Kamera und Laptop in den Händen ins Flugzeug. In Alice Springs am Schalter wurde mir dann bestätigt, dass das Gepäck gefunden wurde und unterwegs sei, aber erst am nächsten Tag eintreffe. Für mich war das zwar vor allem Good News, aber auch etwas Bad News: Am nächsten Morgen um 5:30 war ich auf eine Tour zum Uluru gebucht. Die Frau am Schalter klärte also mit dem Tour-Veranstalter ab, wie mein Gepäck am einfachsten Weg zu mir finden würde und leitete mein Gepäck zum Flughafen Ayer’s Rock um. Ausserdem erhielt ich noch ein Notfallkit mit Pyjama, Zahnbürste, Deo, etc., so dass ich wenigsten etwas für die Nacht etwas hatte.

Bewaffnet mit meinem kleinen Rucksack und dem Notfallkit fuhr ich zum Hostel und checkte ein. Glücklicherweise war das Hostel gleichzeitig für meine Tour zuständig, so dass die weitere Kommunikation bezüglich meinem fehlenden Gepäck nicht schwierig war. Das würde schon alles wieder irgendwie klappen… Ausserdem hatte ich die wichtige Kommunikationseletronik sowie alle nötigen Dokumente auf mir, alles wirklich Notwendige war bei mir.

Ich verbrachte einen äusserst heissen Nachmittag, Abend und Sonnenuntergang in Alice Springs (Fotos!), einem kleinen Städtchen in der Mitte von Australien, wo nicht viel los ist – Ausser ein paar gewaltbereiten Alkoholikern, weswegen man es vermeiden sollte, nachts zu Fuss unterwegs zu sein. Äusserst heiss bedeutet hier übrigens so 38 bis 43 Grad. Selbst im Schatten fühlt es sich etwa so an, wie wenn man konstant von einem Warmluftföhn angeblasen wird, und in der Sonne… Könnt ihr euch ja vorstellen. Not cool! Deshalb trinkt man hier auch problemlos etwa 5 Liter Wasser am Tag, ohne dass man öfter aufs Klo muss.

Und so ging es am Morgen darauf auf Tour, ich immer noch in den gleichen, für diese Hitze denkbar ungeeigneten Kleidern, weiterhin ohne Gepäck.

Per Anhalter nach Christchurch: Teil 2

Ich sass also endlich, nach geschlagenen 6 Stunden Autostoppen und dem Aufgeben nahe, in einem Auto nach Christchurch. Die Fahrt verlief anfangs ohne grosse Ereignisse: Eine Snackpause hier, mal auftanken dort, Landschaften vorbeiziehen sehen, dazu etwas Musik im Hintergrund, typische Reisegespräche, manchmal etwas Regen, aber meistens Sonne. Insbesondere die Aussicht nach Überquerung des Louis Pass war überwältigend, und so fuhren wir sehr guter Stimmung und recht zügig Richtung Christchurch.

Dass wir etwas zu zügig unterwegs waren, ist mir zwar auch auf der Rückbank aufgefallen, aber ein Blick auf den Tacho sagte mir, dass nicht so viel schief gehen kann: Etwa 120 km/h bei einer Geschwindigkeitsbegrenzung von 100 km/h, auf leeren, breiten Strassen. Ich hatte es zwar nicht eilig, aber die beiden Jungs vorne würden ja schon wissen, was sie riskieren wollen und was nicht. Der Plan sah vor, dass mich die Jungs in Christchurch bei einem Freund abladen, dann zu einem Gratis-Campingplatz fahren und sich in den kommenden Tagen eine Arbeit suchen, denn sie waren quasi pleite. Also alles im Lot? Ich war müde und döste ein wenig.

Als ich wieder aufwachte, ergab sich ein deutlich anderes Bild: Rechts am Strassenrand ein Polizeiwagen mit Blaulicht, unser Fahrer etwas bleich, fluchend am Runterbremsen – Nach etwa 3-4 Sekunden zeigte der Tacho dann auch wieder nur 100 km/h an. “Now where are you going that you’re that much in a hurry?” – “Well, we’re going to Christchurch to camp and then find a job, we’re not that much in a hurry actually…”. Der Polizist war freundlich, aber bestimmt, und lies bei einer derart hohen Geschwindigkeitsübertretung – 150 km/h – wie zu erwarten kein Gnade walten. Fahrausweisentzug für 28 Tage, eine Busse von 630 Neuseelanddollar (ca. 450 Franken), bezahlbar ebenfalls innert 28 Tagen. Noch dazu konnte der Beifahrer auch nicht fahren, was dann hiess: Ich musste ran für den Rest der Strecke.

So fand ich mich also unverhofft hinterm Steuer eines Autos wieder. Ans Links-Fahren hatte ich mich bereits auf dem Roadtrip gewöhnt, aber nach 2500 Kilometern Automatik-Getriebe ist eine manuelle Schaltung erstmal eine ordentliche Umstellung für einen nicht besonders routinierten Fahrer wie mich. Ich hab also erst mal direkt vor den Augen des Polizisten den Motor einige Male abgewürgt und den Gang nicht gefunden – Ich hätte mich nicht gewundert, wenn er uns gleich nochmal angehalten hätte um mich zur Rede zu stellen.

Er liess uns jedoch ziehen, und nach einigen Minuten kam ich mit dem Schalthebel auf der ungewohnten linken Seite ganz gut klar. Bis Christchurch war es auch nicht mehr weit, weniger als 100 km. Für mich war die ganze Angelegenheit nicht so ein Problem, aber für die beiden Jungs schon, insbesondere für den Fahrer – Ohne Auto ist es doch nicht ganz so leicht, einen Job in der Industrie oder im Gewerbe zu finden, da öffentliche Verkehrsmittel in Neuseeland nicht weit verbreitet sind und eher sporadisch fahren. Dazu noch die Busse, die doch recht schnell beglichen werden musste… Ich war erstaunt, wie wenig sich die beiden über ihr selbstverschuldetes Unglück Sorgen machten, zeigten einen starken Willen, suchten neue Lösungen und lehnten finanzielle Hilfe ab, noch bevor ich das überhaupt ansprechen konnte.

Aber ich konnte ihnen immerhin mit dem Wagen helfen, und irgendwo würden sie ja auch übernachten müssen. Ich hatte noch 2 Tage Zeit in Christchurch und nicht viel geplant ausser organisatorische Dinge für Australien vorzubereiten. Der Plan wurde also notgedrungen wiefolgt abgeändert: Sie wollten sich ein Hostel suchen, in dem sie einige Wochen oder Monate bleiben und dabei hoffentlich den Wagen dort stehen lassen können. Es war jedoch bereits nach 20 Uhr; Alle Hostels waren entweder ausgebucht oder bereits nicht mehr bedient. Wir fuhren also erstmal zu meinem Freund, den ich bereits via SMS über mögliche Komplikationen warnte.

Bei ihm angekommen suchten die Jungs erst noch via Internet weitere Hostels, gaben es aber ziemlich bald wieder auf – Alles voll. Es bleib ihnen nicht viel anderes übrig, als eine Nacht im Auto zu übernachten und am nächsten Morgen erneut das Glück zu suchen. Glücklicherweise stand der Wagen auf einem Privatgrundstück, denn in den Städten ist Freedom Camping, wozu auch Übernachten im Auto gehört, verboten – Und noch mehr Ärger mit der Polizei wollte in diesem Moment niemand.

So endete ein ziemlich verrückter Tag – Für mich, wie auch für die beiden Jungs. Sie fanden dann übrigens am nächsten Morgen recht schnell ein Hostel. Ich fuhr sie hin, verabschiedete mich und machte mich auf, die Innenstadt von Christchurch aufzusuchen.

Mein erstes Mal: Reisen per Anhalter

In vielen Gesprächen mit Reisenden,  vor allem denjenigen jüngeren Alters, wurde mir gesagt, dass es in Neuseeland ziemlich leicht ist, per Anhalter von Stadt zu Stadt zu reisen. Nachdem ich zum Kiwiburn via Facebook eine Mitfahrgelegenheit gefunden hatte und auf dem Kiwiburn sowieso gefühlt die Hälfte der Besucher auch ans Luminte-Festival weiterzog und deshalb schnell eine Mitfahrgelegenheit fand, entschloss ich mich dazu, für die Rückreise vom Luminate-Festival den Daumen der linken Hand hochzuhalten.

Was man dazu wissen sollte: Luminate fand am Rand des Abel Tasman National Park beim Golden Bay an der Nordspitze der Südinsel statt – Alles klar? Ein Blick auf die Karte hilft! Von dort aus gibt es zwei etwa gleich lange Routen nach Christchurch, nämlich eher westlich über den Louis Pass oder eher westlich über Nelson, Blenheim, Kaikoura. Die westliche Route ist etwas schneller, aber führt vor allem durch unbewohntes Gebiet. Für den Anhalter bedeutet das, dass er eigentlich nur dann eine sinnvolle Mitfahrgelegenheit findet, wenn diese sowieso bis Christchurch fährt – Bei über 400 km Distanz etwas eher seltenes. Die östliche Variante ist etwas länger, aber hat einige grössere Städte auf dem Weg, wodurch ein etappenweises Fortkommen begünstigt wird.

Die zwei Wege vom Luminate nach Christchurch.

Die zwei Wege vom Luminate nach Christchurch.

Am letzten Festivalmorgen machte ich mich also früh auf den Weg zur Ausfahrtsstrasse, natürlich mit einem passenden Schild mit der Aufschrift “TO CHRISTCHURCH PLEASE ❤”. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt noch nicht, welche Route ich wohl nehmen würde, und hoffte einfach auf eine direkte Reise.

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Pretty pretty please?

Auto Nummer 1: Schon nach wenigen Minuten hielt eine Mitorganisatorin des Festivals an und bot an, mich wenigstens zur Hauptstrasse zu fahren – Sie müsse weiter nach Norden und ich nach Süden, aber so viel könne sie tun für mich. Ich nahm an. Im Nachhinein sollte sich das als eine eher schlechte Idee herausstellen, aber dazu später mehr.

Auto Nummer 2: Wenige Minuten später stand ich also an der Strasse von Takaka nach Motueka und hielt mein Schild hoch. Wieder dauerte es nicht lange, bis ein Festivalorganisator entlangfuhr und anbot, mich nach Motueka, dem nächsten grösseren Ort im Süden, mitzunehmen. Ich nahm an.

Auto Nummer 3: In Motueka angekommen, lief ich erst der Hauptstrasse entlang etwas weiter südlich, stadtauswärts. Kann ja nicht schaden. An einem Ort, wo Autos gut anhalten können, hielt ich also wieder mein Schild hoch: “TO CHRISTCHURCH PLEASE ❤”. Wieder dauerte es nicht lange, bis mich ein Inder mitnahm, dieses Mal nach Nelson.

Ich kam im Süden der Stadt an und wusste, dass der Highway nördlich des Stadtzentrums zu finden ist. Ausserdem hörte ich davon, dass man auf Highways nicht zu Fuss unterwegs und deshalb auch nicht Anhaltend dort stehen darf. Ich versuchte es also kurz vor dem Kreisel, der auf den Highway führt. Ziemlich erfolglos allerdings, dafür wurde ich nach etwa einer Viertelstunde von 2 Radfahreren darauf hingewiesen, dass ich es ein paar hundert Meter weiter westlich versuchen sollte. Ich bedankte mich, buckelte meinen Rucksack und marschierte los.

Auto Nummer 4: Der Tipp der Radfahrer erwies sich als hilfreich, es dauerte etwa 10 Minuten bis zum nächsten Angebot: Nach Tahunanui. Das sei zwar nur 10 Minuten weiter, aber immerhin in die richtige Richtung – Der Fahrer meinte damit den westlichen Weg. Ich aber war mehr auf den östlichen Weg fixiert. Egal, wenigstens stand ich mal am Highway. Und so verboten sah das gar nicht aus.

Auto Nummer 5: Ich wechselte also die Strassenseite. Mittlerweile war ich knapp 3 Stunden unterwegs, und so ganz ohne Frühstück war ich langsam hungrig. So viel Wasser hatte ich auch nicht mehr, aber die Tankstelle war mir zu teuer. Ich verzichtete also, stand an der Strasse, und wurde bald mitgenommen: Wieder nach Nelson, aber dieses Mal zu einem Parkplatz gerade östlich der Stadt. Ein Ort, an dem aller Verkehr nach Osten durchkommt. Prinzipiell der ideale Ort!

Nur leider war ich nicht der einzige, der so dachte. Wir sassen zu siebt dort, und niemand hielt an. Mir mit dem Christchurch-Schild wurde signalisiert, ich solle auf die andere Seite der Strasse – Verständlich, ist die westliche Route doch die schnellere. Auch nur mit Daumen und ohne Schild blieb ich erfolglos (wie alle anderen auch in der Zeit, als ich da war). Ein neuer Plan musste her. Mittlerweile bereute ich es, das Festivalgelände ohne eine direkte Fahrt verlassen zu haben, denn das wäre dort bei der Menge an zuvorkommenden Menschen vermutlich echt nicht schwierig zu finden gewesen.

Ich entschloss mich dazu, es nochmal dort zu versuchen, wo Auto Nummer 4 mich aufgegabelt hatte, nur dieses Mal direkt am Highway. In der Mittagssonne und mittlerweile ohne Wasser war dieser Marsch dann doch anstrengender als gedacht, so langsam musste ich mir Gedanken um Verpflegung machen. Eigentlich nicht langsam, sondern ziemlich schnell, aber ich ignorierte dies geflissentlich.

Auto Nummer 6: Am erwähnten Ort traf ich zwei weitere Anhalter. Hmpf. Wir konnten uns jedoch kaum gegenseitig vorstellen, als bereits ein Wagen vorfuhr: Ein junger Neuseeländer machte uns darauf aufmerksam, dass wir keinen günstigen Ort gewählt hatten, aber er fahre uns gerne zum idealen Ort. Er selbst fahre weiter nach Motueka. (Da war ich doch schon!) Nachdem wir noch das Missverständnis geklärt hatten, dass wir nicht zu dritt unterwegs waren, entschlossen sich die anderen beiden, mit ihm eben nach Motueka zu fahren. Ich musste aber immer noch nach Christchurch. Also fuhr er mich zu dem Ort am Highway, wo wirklich alle Autos der Region Motueka-Richmond-Nelson durchfahren müssen, wenn sie die westliche Route nach Christchurch nehmen wollen. Ausserdem wurde meine Wasserflasche aufgefüllt, hallelujah!

Es war mittlerweile kurz vor 2 Uhr nachmittags, als ich dann dort sass und Schild plus Daumen hochhielt. Frisch gestärkt mit Wasser und Schoko-Cookies war ich sehr motiviert, zumal hier nur ein anderer Hitchhiker sein Glück versuchte und dieser hinter mir stand. Ich stand also da, lächelte, suchte Blickkontakt… und alle fuhren sie an mir vorbei. Ich versuchte es stehend, sitzend, mal weiter draussen in der Strasse, mal ganz am Rand, mal mit Schild, mal ohne, mal mit Daumen, mal ohne. Vroooom, alles fuhr vorbei. Die einseitige Belastung des Daumen-Hochhaltens gepaart mit der Müdigkeit von über 2 Wochen im Zelt zu schlafen führte dazu, dass mir bald mal der Rücken zu schmerzen begann. Also noch ein Haltungswechsel.

Nach einer guten Stunde machte ich mir die ersten Gedanken, wie ich wohl am schlausten wieder in die Stadt kommen würde, und wie lange ich es wohl noch probieren würde. Vroooom, alles fuhr vorbei. Ob ich wohl doch einfach auf die andere Strassenseite sollte, in die Stadt, um dann am nächsten Tag den Bus zu nehmen…? Mittlerweile war es 6 Stunden her, dass ich das Festivalgelände verliess, und ich sass auch bereits in 6 verschiedenen Autos, aber so wirklich weit gekommen war ich noch nicht. Vielleicht etwa 20% der Strecke, es lagen noch 400km vor mir.

Auto Nummer 7: Ich hätte es fast nicht gemerkt, dass die beiden jungen Deutschen doch tatsächlich angehalten haben. Ich weiss nicht mehr genau, warum ich mich umdrehte, aber da standen sie, luden das Gepäck in ihrem Wagen um. Ja, sie fahren nach Christchurch und nehmen mich mit. Jackpott! Überglücklich stieg ich ein, wir fuhren los, unterhielten uns, alles war perfekt.

Hier könnte meine Anhaltergeschichte zu Ende sein. Der Anhalter-Teil der Geschichte ist es auch, aber der Tag sollte noch die eine oder andere unerwartete Wendung mit sich bringen… Mehr dazu im nächsten Eintrag in nicht all zu ferner Zukunft.

Kiwiburn: Neuseelands lokaler Burning Man Event

Ich war also auf dem Kiwiburn. Was bitte schön soll das sein? Ein Erklärungsversuch der zehn leitenden Ideen, vermischt mit persönlichen Eindrücken.

  1. Radical Inclusion. Jeder kann, jeder darf, jeder soll kommen, wenn er denn will. Niemand wird ausgeschlossen, egal wie alt oder jung, ob alternativ oder gesellschaftskonform. Niemand wird wegen seines Aussehens oder seines Verhaltens irgendwie schief angeschaut oder missachtet, jeder kommt so wie er ist. Ich habe noch nie so viele authentische Menschen auf einem Haufen gesehen. Und auch noch nie so viele nackte Menschen, die um ein Feuer tanzen – Einige hundert dürftens schon gewesen sein, notabene bei weniger als 1000 Festivalbesuchern.
  2. Gifting. Auf einem Burn ist Geld (fast) nutzlos, denn kaufen kann man (fast) nichts. Eine Ausnahme gabs, dazu später mehr (bei Punkt 4.) Man zieht nun leicht den Fehlschluss, dass dann wohl fleissig gehandelt wird und man deshalb geeignete Tauschmittel mitnehmen sollte, aber dem ist überhaupt nicht so: Es wird geschenkt. Uneigennützig, ohne Gegenleistung, einfach so. Der Anhänger gefällt dir wirklich gut? Dann nimm ihn doch, ich brauche ihn nicht unbedingt. Wie, du hast zu viel Lachs geräuchert und hast nun einen halben Fisch übrig? Ich nehm gerne ein bisschen davon… Wir sollen ihn aufessen? Okay, kein Problem! (Es war der beste Fisch meines Lebens. Zart, saftig, reich an Geschmack aber nicht verwürzt. Ein Gedicht.)
  3. Decommodification. Weg von Konsumprinzipien und normativem Denken, einfach sein. Nimm dir das, was du brauchst, dann wann du es brauchst. Und wenn es das nicht gibt, mach es selbst! Zum Beispiel neue Federn auf dem Hut annähen. Und wenn dir morgens um 7 nach der durchgetanzten Nacht nach einem Chai gelüstet, dann geh doch einfach zum Teezelt und koch dir selbst einen. Es kostet nur deine Zeit. Und übrigens, habt ihr gewusst, dass Podpoi echt gute falsche Brüste abgeben, die dazu auch noch halbwegs weich sind, wenn man sie befummelt? Ganz abgesehen davon, dass sie dazu auch noch leuchten…
  4. Radical Self-Reliance. Du hängst nur von dir ab und niemandem sonst. Heisst insbesondere: Du musst alles, was du in der Burn-Zeit zu dir nehmen willst, selber organiseren und mitnehmen. Inklusive Nahrungsmitteln und allem (!) Wasser, das du brauchst. Für 5-6 Tage. Das ist viel und ziemlich schwer (Richtmenge: 6 Liter pro Person und Tag). Plane gut. Damit deine Lebensmittel nicht kaputt gehen, kannst du für wenig Geld kiloweise Eiswürfel kaufen. Und wenn du es nicht schaffst, ist das nicht so schlimm, dir wird geholfen. (Siehe Punkt 1, 2, 6, 7, …)
  5. Radical Self-Expression. Sei du selbst, egal was das bedeutet. Bring Kunst mit, baue etwas tolles, unterhalte mit Feuerkunst, oder leg dich einfach den ganzen Tag ins Schlammbad. Aber zeige anderen, wer du bist! Vielleicht ist ja die spontan abgehaltene Twerkingcompetition etwas für dich? Oder der offene Rund-um-die-Uhr-Jam auf der Rockstar-Stage? (Es gibt tatsächlich Leute, die 4 Stunden am Stück growlen können.)
  6. Communal Effort. Auch wenn es auf einem Burn viel um dich selbst geht, das ist nicht alles. Baut zusammen ein buntes Camp auf, stellt eine Soundanlage dazu und schmeisst eine Zombie-Frühstück für alle! Oder vielleicht mögt ihr lieber eine mobile Bar, die hier und dort mal wieder für ein Stündchen oder zwei auftaucht und erfrischende Cocktails unbekannten Inhalts ausschenkt? Ohne Gegenleistung, selbstverständlich. Glas oder Tasse nicht vergessen!
  7. Civic Responsibility. Du bist zwar auf dem Papier für nichts verantworlich, in der Praxis aber für alles, was schief geht. Da liegen Plastikfetzen herum? Sammle sie doch einfach ein und entsorge sie statt nach einer Putztruppe zu suchen. Du siehst jemanden, dem es wirklich richtig mies geht, oder siehst offenen Missbrauch? Geh hin, sprich das Problem an, helfe auf welche Weise auch immer. Denn wenn du das Problem nicht löst, wer sonst?
  8. Leaving No Trace. Müll gibt es nicht, nur Matter out of place, kurz Moop. Bring ihn da hin, wo er hingehört, nämlich in deinen eigenen Müllbeutel, den du nach dem Festival zuhause brav der Recyclingstation übergibst. Übrigens, diese Menge reduziert man am effektivsten dadurch, indem man Verpackungen und Plastiksäcke gar nicht erst mitbringt, dann muss man sie nämlich auch gar nicht mehr entsorgen. Auch Zigarettenstummel gehören nicht auf den Boden. Urin hingegen ist ein hervorragender Dünger und überall willkommen, wo er nicht durch den Geruch stört.
  9. Participation. Es läuft viel, mach einfach mit und lass dich treiben. Spiele mit, tanze mit, erforsche andere und dadurch dich selbst. Lass dich beschenken von den reichen Erfahrungen, die du nur so machen kannst. Eine Gruppenmeditation zum Thema Mindfulness mit anschliessendem Erfahrungsaustausch ist da nur der Anfang.
  10. Immediacy. Nur das Hier und Jetzt zählt, denn morgen ist schon wieder alles anders. Erwarte nichts, sondern nimm, was dir gegeben wird, und erfreue dich daran. Niemand ist dir irgend etwas schuldig, genau so wie niemand etwas bei dir zu gut hat. Das Mädel, das mit dir seit Stunden eng tanzt, hat vielleicht einfach nur Spass am Flirten und will gar nicht mehr von dir, und das ist vollkommen in Ordnung so.

TLDR: Fotos von einem nicht ganz unbegabten Menschen.